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„Helvetia“ – Wer sie sah, wird sie nie vergessen
Von 1835 bis 1875 waren auf dem Zürichsee Glattdeck- oder Halbsalon-Dampfschiffe unterwegs. Sie dienten in erster Linie dem Güterverkehr. Im Personenverkehr standen die Querfahrten im Vordergrund. Fremde Reisende waren auf dem See nur wenige anzutreffen. Einzig Pilger auf dem Weg zum Kloster Einsiedeln fragten nach Fahrten zwischen Zürich und Wädenswil. Diese Reisenden waren finanziell nicht sehr interessant; sie konnten oder wollten sich keine Fahrt in der 1. Klasse leisten. Eigentliche Touristen wurden als notwendiges Übel behandelt, welche nur den Platz auf den Schiffen versperrten. Im Bahnhof Zürich war nirgends ein Fahrplan für den See zu finden. Der Fremdenverkehr, wie er am Genfer- und Vierwaldstättersee damals aufkam, ging am zwinglianischen Zürich vorbei.
Bestellung und Bau der „Helvetia“
Erst als Theodor Baur, der ehemalige Besitzer des Hotels Baur au Lac in Zürich, irgendwann in den 1860er Jahren intervenierte, wurden 2 Kurspaare als Schnellfahrten von Zürich nach Rapperswil und zurück eingeführt. Diese hatten in der Rosenstadt Bahnanschluss in Richtung Bündnerland. In den Verkehrsknotenpunkten wurden nun Fahrpläne aufgehängt, in denen die Schnellkurse speziell hervorgehoben waren. Der Erfolg blieb nicht aus, und bald kam der Wunsch nach einem neuen Schiff auf. Dabei wollte man gleich den schönsten und grössten Salondampfer aller Schweizer Seen bauen! 1873 bestellte die Dampfboot-Gesellschaft für den Zürichsee (DGZ) bei Escher Wyss in Zürich die „Helvetia“.
Per 31. Dezember 1874 übernahm die Schweizerische Nordostbahn (NOB) die Aktien der DGZ und damit auch den im Bau befindlichen Salondampfer. 1902 ging die NOB in den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) auf, welche im Oktober des gleichen Jahres per 1. Mai 1903 die Zürichseeschiffe an die Zürcher Dampfboot-Gesellschaft (ZDG) verkaufte. 1957 änderte die ZDG ihren Namen in Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG), da die Mehrheit der Flotte nun aus Motorschiffen bestand. Seit 1959 sind die „Stadt Zürich“ und die „Stadt Rapperswil“ die letzten Raddampfer auf dem Zürichsee.
Unter der Leitung des Escher-Wyss-Teilhabers Oberingenieur Naville wurde der Raddampfer im Zürcher Seefeld erbaut. Am 29. Mai 1875 berichtete das „Wochenblatt für den Bezirk Meilen“, dass der Salondampfer vor zwei Tagen vom Stapel gelaufen sei. Die Probefahrt, so wurde die Jungfernfahrt genannt, ging unter Kapitän Maurer zur Insel Ufenau. Die Stimmung an Bord soll so gut gewesen sein, dass niemand die Insel betreten wollte und alle Gäste auf dem Schiff im Salon tafelten. Der Schiffsrestaurateur Glogg war für „ein feines Menu nebst gutem Wein“ besorgt gewesen.
Schiffsbeschreibung
Folgende Angaben sind unter dem Titel „Specielle Verhältnisse“ im Schiffsbuch der „Helvetia“ aufgeführt: Gesamte Decklänge: 65,1 m. Breite am Hauptspant: 7,16 m. Tiefgang ohne Ladung: 1,19 m und mit Ladung 1,54 m. Platz hätte das Schiff für bis zu 1'800 Personen geboten, doch wurde die Zahl der Fahrgäste bei 1'200 resp. die Tragkraft auf 90 t festgelegt.
Auf dem Oberdeck waren ausser dem ungedeckten hochbeinigen Steuerstand und dem Kamin keine Aufbauten vorhanden. Später erhielt der Steuerstand ein Dach, doch hatten die Steuerleute nie ein geschlossenes Steuerhaus zur Verfügung. Steuerstand und Kamin konnten für den Winter demontiert werden. Die beiden Räder hatten einen Durchmesser von 3,36 m und je 10 Schaufeln. Benötigt wurde eine Besatzung von zwölf Mann. Für die heutige Zeit ungewöhnlich war die Festbeflaggung. Senkrecht an den Radkästen angebrachte Masten ermöglichten eine grosszügige Beflaggung. Die Baukosten für das Schiff wurden mit Fr. 398'811.98 ausgewiesen.
Angetrieben wurde die „Helvetia“ von einer schrägliegenden 2-Zylinder-Zweifachexpansionsmaschine, welche 1880 in eine Verbundanlage umgebaut wurde. Der Kolbenhub lag bei 1220 mm, und die Leistung der Maschine ist im Schiffsbuch mit 480 indizierten PS angegeben. Als Höchstgeschwindigkeit wurden 24 km/h verzeichnet. Der Dampf wurde in zwei Kesseln mit einem Maximalarbeitsdruck von 7 atm. erzeugt.
Das Schwesterschiff
Das Escher-Wyss-Schiff „Mont-Blanc“ auf dem Genfersee kann als Schwester der „Helvetia“ bezeichnet werden. Beide hatten die gleichen Masse; einzig über dem Hauptspant war die „Mont-Blanc“ zwei Zentimeter breiter.Mit Fr. 405'000 war sie leicht teurer und lief einige Tage früher, am 15. Mai 1875 in Morges, vom Stapel.
Am 9. Juli 1892 explodierte im Hafen von Ouchy ein Dampfdom auf dem zur Abfahrt bereiten Dampfer. Das Unglück kostete 26 Personen das Leben. Neue Kessel mussten eingebaut, und das Oberdeck konnte neu gestaltet werden. Unter dem Namen „La Suisse“ kam das Schiff wieder in Fahrt. 1910 wurde auf dem Genfersee ein neues Flaggschiff mit dem Namen „La Suisse“ in Betrieb genommen und der Dampfer aus dem Jahr 1875 auf „Evian“ umgetauft. Bei Kriegsausbruch 1939 war der Abbruch der Schwester der „Helvetia“ eine beschlossene Sache, und 1940 erfolgte die Verschrottung des CGN-Dampfers.
Ein Sonntagsschiff
Obwohl die „Helvetia“ anfänglich auch an Werktagen ausfuhr, entwickelte sie sich mehr und mehr zum Sonntags- und Festschiff.
Die NOB kam bald nach der Inbetriebnahme des Salondampfers in finanzielle Schwierigkeiten, nicht wegen der Schifffahrt, sondern wegen ihrer Aktivitäten als Bahngesellschaft. Sparen musste aber auch die Schifffahrt. So wurden zeitweise die Längsfahrten gestrichen, und man konzentrierte sich auf die rentablen Querfahrten mit kleineren Schiffen. Da die Bahn während langen Jahren nur das linke Seeufer erschlossen hatte, war die Bevölkerung des rechten Seeufers auf diese Schiffsverbindungen angewiesen.
Trotz allen Hindernissen war die „Helvetia“ jedes Jahr in Betrieb. Sie legte pro Saison zwischen 1'000 und 4'000 Kilometer zurück. Selbst in den Kriegsjahren, als Treibstoffmangel herrschte, lief sie zu Fahrten aus. Die Einsätze waren von kurzer Dauer. Praktisch nur an Sonn- und Feiertagen war sie auf dem See anzutreffen. Im Schiffsbuch wurden pro Monat in der Hochsaison ca. 15 Fahrten festgehalten. Die gefahrenen Kilometer zeigen, dass es sich meist um Rundfahrten gehandelt hat; Längsfahrten hätten eine höhere Kilometerzahl ergeben.
In Inseraten und auf Plakaten wurde für die sonntäglichen Spazierfahrten mit Konzert geworben. Die musikalische Begleitung wurde jedoch immer wieder gestrichen, da die Einnahmen zeitweise nicht einmal den Aufwand für die Musik deckten. Diese Fahrten kosteten zu Beginn nur einen Franken. 1922 bezahlte man für eine Rundfahrt mit dem Salondampfer von Zürich nach Wädenswil und zurück in der 1. Klasse Fr. 3.50 und in der 2. Klasse Fr. 2.50.
Keine grossen Pannen
Anfänglich soll die „Helvetia“ zuviel Kohle verbraucht haben wegen undichten Feuerrohren. Mit Kartoffeln und Bohnenmehl im Kesselwasser soll eine „gewisse kohlensparende Abdichtung“ erreicht worden sein. Mit dem Einbau neuer Kessel im Jahr 1894 dürfte dieses Problem behoben worden sein. Vor der Saison 1903 wurde das Schiff zu Lasten der Verkäuferin NOB/SBB einer umfassenden Renovation unterzogen. Bauliche Veränderungen gab es dabei keine.
Das Schiff war sehr gut unterhalten und gepflegt. Regelmässig wurde es in der Werft Zürich Wollishofen auf Stapel genommen. Aufgrund der Grösse des Schiffes spielte für die Stapelgänge der Seepegel eine grosse Rolle. Bei Niedrigwasser konnte der Dampfer nicht aufgezogen werden, da die Gefahr bestand, dass er während der Aus- oder Einwasserung nicht richtig auf dem Aufzugswagen auflag. Bei der Einwasserung vom 25. November 1916 lag der Pegelstand beim Zürcher Bellevue bei 409.32 und in der Werft bei 1,15. Ohne Belastung des Hecks schwamm die „Helvetia“ so auf, dass sie sich vom Wagen löste, aber mit dem Bug auf drei bis vier Bahnschwellen festsass. Der Dampfer „Wädenswil“ schleppte sie frei. Dabei ist im Schiffsbuch vermerkt, dass der hohe Wasserstand das Manöver begünstigt habe! Bei diesem Stapelgang wurde die Schalenfläche von 420 m2 mit drei Schichten Farbe neu gestrichen. Es wurden 170 kg Farbe verbraucht. Geprüft wurde auch, ob der Treppenaufgang vom Hauptdeck zum Oberdeck mit einem Dach versehen werden könnte. Auf Grund der hohen Kosten und der Bedenken, es würde das „ästhetische Aussehen“ des Schiffes ungünstig verändert, wurde auf die Überdachung verzichtet.
Selbst während des Zweiten Weltkrieges - es wurde nur noch nach einem reduzierten Fahrplan gefahren - stand der Dampfer im Einsatz und wurde weiterhin gut gepflegt und 1941 auf Stapel genommen. Erst als das Eidgenössische Amt für Verkehr die Betriebsbewilligung bis 1960 begrenzte und die ZSG ihre Flotte umfassend mit Motorschiffen erneuerte, war das Ende der „Helvetia“ absehbar.
Letzte Fahrt
Im letzten Betriebsjahr 1958 legte der Raddampfer noch 1'144 km zurück. Höhepunkt der Saison war die Begleitung des MS „Limmat“ auf seiner Jungfernfahrt. Am Wochenende vom 4. und 5. Oktober lief die „Helvetia“ nach 83 Jahren zu ihren letzten Fahrten aus. Das Personal der ZSG hatte es sich nicht nehmen lassen, dem Dampfer einen würdigen Abschied zu bereiten. Im Innern des Schiffs riefen alte Fahrpläne und Fotos die Erinnerung an vergangene Zeiten wach. Am Sonntag fuhr man festlich beflaggt dicht dem rechten Seeufer entlang. Auf der Höhe von Stäfa schwenkte die „Helvetia“ nach Wädenswil hinüber. Beim Wohnsitz des damaligen Verwaltungsratspräsidenten Dr. W. Weber stoppte das Schiff. Weber war mit dem kleinen „Gambrinus“ der Brauerei Wädenswil der „Helvetia“ entgegengefahren und erwies ihr mit einer letzten Umrundung die Ehre. Unterdessen hatte sich die Besatzung am Bug versammelt und nahm, während die Flagge auf Halbmast ging, mit dreiminütigem Schweigen Abschied vom Schiff. Zum Abschluss der Zeremonie ertönte die Schiffspfeife, und die Fahrt wurde seeabwärts fortgesetzt. Insgesamt hatte die „Helvetia“ nur rund 200'000 km auf dem Zürichsee zurückgelegt, also etwa 2'400 km pro Jahr.
Verkauf des Dampfers
Die „Helvetia“ wurde noch im gleichen Jahr für Fr. 50'000 an die Gartenbauausstellung „G 59“ verkauft, welche es als schwimmendes Restaurant einsetzte. Im Verkaufsvertrag war festgehalten, dass der Dampfer nach Abschluss der Ausstellung zu verschrotten sei. Das Restaurant wurde sehr erfolgreich geführt, und die ZSG wehrte sich nicht, als die „G 59“ - sie hatte finanzielle Probleme - die „Helvetia“ für 35'000 Fr. an den Coiffeurmeister Schwarz verkaufte. Dieser machte jedoch ein schlechtes Geschäft, da er für ein schwimmendes Restaurant keine Betriebsbewilligung bekam. Jetzt mussten sich die Gerichte mit der „Helvetia“ befassen. Die ZSG drängte auf eine Verschrottung.
Am 16. November 1961 wurde das Schiff von der ZSG gratis nach Nuolen im Obersee geschleppt, wo sich die KIBAG bereit erklärt hatte, der „Helvetia“ ein vorläufiges Asyl zu gewähren. Erst 1963 stellte das Bundesgericht klar, dass der Vertrag mit Schwarz gültig und er damit für die Verschrottung verantwortlich war. Inzwischen hatten sich Vandalen des Schiffes angenommen. Die „Helvetia“ lag halb versunken in Nuolen. Ende 1963 kam es zur Einigung zwischen Schwarz, der ZSG und der KIBAG. Die ZSG zahlte freiwillig Fr. 3'000, und Schwarz überwies Fr. 2'000 an die KIBAG, welche die Aufbauten verschrottete und die Schale endgültig versenkte.
1994 orteten Mitglieder des Oldtimer Boot Clubs Zürichsee das „Grab“ der „Helvetia“ unter einer Insel im Yachthafen „Kiebitz“ bei Nuolen. Sie liessen an der Stelle, wo die Schiffsschale liegt, eine Gedenktafel anbringen, welche an den einstigen Stolz des Zürichsees, die „Helvetia, erinnert.
Robert Knöpfel, „Dampferzeitung“ Nr. 2/2007, Seiten 19-23 (in leicht angepasster Form übernommen).
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